Presseinformation: Vortrag in Möglin – spannend und informativ


Am Freitag, dem 15.05.2015 fand im Gemeindezentrum Möglin die Veranstaltung „Wir fragen nach: Gefahren durch multiresistente Keime in Krankenhaus und Tierstall“ statt.
Gut 50 Gäste folgten der gemeinsamen Einladung des Kulturvereins MöHRe, der Nabu Ortsgruppe Reichenow und der Bürgerinitiative „uns stinkt’s schon lange“ um sich in den Vorträgen von Prof. Dr. Bereswill, vom Institut für Mikrobiologie und Hygiene der Charite und Prof. Dr. Ueberschär, Tierpatologe (i.R.) der Tierärzlichen Hochschule Hannover über dieses Thema zu informieren und offene Fragen im anschließenden Gespräch zu klären.
Nach einem kurzen Abriss zur Geschichte der Antibiotikaentdeckung und Erforschung, zeigte Prof. Dr. Bereswill auf, wie Bakterien Resistenzen erwerben und weitergeben können, und welche Auswirkungen das auf die Therapie von Infektionen beim Menschen hat.
Die gute Nachricht war,dass es unter den Antibiotika noch Wirkstoffgruppen gibt, die auch multiresistente Keime bekämpfen können. Allerdings bleiben den Medizinern oft nur Stunden, um eine wirksame Antibiotikatherapie zu finden, wenn die „First-line Therapie“ auf Grund von Multiresistenzen nicht anschlägt.
Da die Diagnostik, welche Resistenz ein Keim erworben hat aber rund drei Tage dauert,  besteht die Gefahr, dass effektive Hilfe für den Patienten zu spät kommt und er seiner Infektion erliegt.
Für den gesunden Menschen ist der Erwerb multiresistenter Keime weder zu bemerken, noch eine Gefahr, da die natürliche Bakterienflora des Menschen multiresistente Keime im Schach hält. Gelangen diese Keime aber in offene Wunden, oder wird die Bakterienflora durch die Einnahme von Antibiotika zerstört, können sich multiresistente Keime ungehindert ausbreiten und im schlimmsten Fall zur Amputation betroffener Gliedmaßen oder zum Tod des Patienten führen.
Da im Krankenhaus offene Wunden und imungeschwächte Menschen an der Tagesordnung sind, können multiresistente Keime hier die größten Schäden anrichten.
Prof. Bereswill stellte den Umgang unserer Niederländischen Nachbarn mit diesem Thema als beispielhaft hin. Dort wurde allen Krankenhäusern  Isolierstation vorgeschaltet, in der die Patienten auf multiresistente Keime untersucht und wenn nötig dekontaminiert werden, bevor sie zur Behandlung im Krankenhaus aufgenommen werden.
Prof. Dr. Ueberschär stellte seinen Vortrag unter die provokante These: Massentierhaltung macht krank – die Tiere, die Umwelt und auch den Menschen.
Die Tiere leiden unter dieser Haltungsform, die zugunsten maximalen Profits, die genetisch angelegten Bedürfnisse der Tiere missachtet und sie so anfällig für Krankheiten und Infektionen macht.
Eindrücklich zeigte er auf, wie die klimatischen Verhältnisse in den Tierställen, zusammen mit einer hohen Besatzdichte an Tieren einen großen Infektionsdruck erzeugen, dem nur mit Antibiotikagaben zu begegnen ist und damit einen idealen Nährboden für die Entstehung multiresistenter Keime darstellt.
Unsere Umwelt krankt unter diesen Produktionsbedingungen, da die massenhafte Aufbringung von Trockenkot und Gülle auf unsere landwirtschaftlichen Nutzflächen, diese mit Antibiotikarückständen und multiresistenten Keimen belastet. Studien zu den Auswirkungen dieser Praxis auf Klein und Kleinstlebewesen und die in der Nahrungskette darüber stehenden Tiere gibt es bisher nicht, sollten aber dringend in Angriff genommen werden. Um die Menge der jährlich in Deutschland produzierten und auf unseren Feldern verklappten Gülle zu verdeutlichen, führte Prof. Ueberschär an, dass der Konvoi befüllter  Gülletanks von Berlin bis Peking reichen würde.
Dass der Mensch unter der „modernen“ Tierproduktion leidet, ist für Prof. Ueberschär offensichtlich. Es ist bekannt, dass über 80% der Menschen, die in solchen Anlagen arbeiten, also Landwirte, Tierärzte und angestellte MitarbeiterInnen mit multiresistenten Keimen besiedelt sind, die sie über die Atemwege mit der Stallluft aufnehmen.
Auch außerhalb der Ställe finden diese Erreger ihre Verbreitung. So haben aktuelle Studien ergeben, dass an Staub gebundene Bioaerosole,und mit diesen auch multiresistente Keime, über die Abluftanlagen der Ställe verbreitet werden und selbst in 600 m Entfernung um die Anlagen herum zu finden sind. Heutzutage eingesetzte Filteranlagen können diese Kontaminationen der Umwelt nicht verhindern, da sie selbst unter Laborbedingungen nur einen Wirkungsgrad von rund 80% erreichen.
Dass die, in Prof. Ueberschärs Augen, tierquälerischen Haltungsbedingungen auch zu einer emotionalen Verrohung der dort arbeitenden Menschen führt, zeigen zum Beispiel die Bilder und Filme von Menschen, die dort kranke Ferkel routinemäßig an Betonwänden oder Stallgittern erschlagen.
Im letzten Teil seines Vortrags ging Prof. Ueberschär auf die verschiedenen Verantwortlichkeiten ein, diese Zustände zu ändern.
Von der Politik forderte er u.a. den Antibiotikaeinsatz strenger zu reglementieren und
effektiver zu kontrollieren und über das Baurecht die Möglichkeit zu schaffen, kranke Tiere zu isolieren, um nicht, wie in der heutigen Praxis bei 10 erkrankten Tieren, den gesamten Bestand mit Antibiotika behandeln zu müssen.
Die Tierproduktion muß ihre Zuchtziele überdenken und auf das Wohl der Tiere Rücksicht nehmen. Es kann nicht sein, dass Tieren ein Fleischgewicht angezüchtet wird, das die Knochen der Tiere nicht tragen können und schon beim normalen Bewegungsdrang brechen.
Von den Tierärzten wünscht sich Prof. Ueberschär, dass sie sich nicht als Dienstleister der Fleisch- und Pharmaindustrie, sondern als Verantwortliche für das Wohl der Tiere begreifen.
Doch auch der Konsument kann Einfluß auf die Haltungsbedingungen nehmen, in dem er den eigenen Fleischkonsum senkt und gezielt Produkte aus Tiergerechter Haltung nachfragt.
Im anschließenden Gespräch konnten die Gäste der Veranstaltung Ihre Fragen und Meinungen zu den Vorträgen diskutieren. Ein anwesender Tierarzt machte deutlich, dass er, trotz der deutlichen Kritik an seinem Berufsstand, den Inhalten der Vorträge nur zustimmen kann.
Im Wissen, dass Aufklärung und Information immer am Anfang von Veränderungen stehen sollten, werteten die InitiatorInnen diese Veranstaltung als großen Erfolg.

<Resistenzentwicklung.pdf>

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